
Worpswede. Ein Ort zwischen Erinnerung und Aufbruch
von Markus Lippeck
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„Worpswede ist ein Ort, an dem die Kunst den Alltag durchdringt und das Leben bereichert.“
– Bernhard Hoetger -
Nebel liegt über den Feldern. Die Birken zeichnen sich als helle Streifen gegen den grauen Himmel ab – dieselben Birken, dieselben Moore, dieselben Wege, die vor mehr als hundert Jahren eine kleine Gruppe von Künstlern hierherführten. Sie wollten raus aus den engen Akademien, weg von starren Regeln. Sie suchten einen Ort, an dem die Kunst neu gedacht werden konnte – und fanden ihn in Worpswede.
Hier entstanden Bilder, die das Wesen der Landschaft einfingen: melancholisch, weit, voller Stille und doch erzählend. Die Künstlerkolonie wurde zu einem Symbol für einen neuen Blick auf die Welt, für eine Kunst, die sich nicht nur mit Ästhetik, sondern mit dem Leben selbst beschäftigte. Doch jede Bewegung birgt die Gefahr, irgendwann nur noch Geschichte zu sein.
Heute sind die Namen bekannt. Die Werke hängen in Museen, Bücher erzählen von ihrer Zeit, Worpswede ist ein fester Begriff in der Kunstgeschichte. Aber was bedeutet das für die Gegenwart?
Ist Worpswede noch ein Ort der Kunst – oder nur noch ein Denkmal seiner eigenen Vergangenheit?
Die Welt hat sich verändert. Die Kunst hat sich verändert. Aber eine Frage bleibt: Gibt es hier noch Platz für das Neue?
Ein Kunstort kann nicht allein von seiner Vergangenheit leben. Er ist kein Museum, sondern ein Prozess. Er lebt nicht von dem, was einmal war, sondern von dem, was entsteht. Worpswede hat bewiesen, dass es ein Magnet für Kreativität sein kann. Doch bleibt es das auch in Zukunft?
Es geht nicht darum, das Alte zu bewahren oder das Neue um jeden Preis zu suchen. Es geht darum, die Idee Worpswedes weiterzutragen – die Idee, dass Kunst nicht abgehoben existiert, sondern mit der Welt verwoben ist. Dass sie Räume verändert, Perspektiven öffnet, Fragen stellt.
Vielleicht ist es an der Zeit, nicht nur zurückzublicken, sondern nach vorne. Zu sehen, wer heute hier arbeitet, welche Stimmen jetzt gehört werden müssen. Denn die Künstler, die einst kamen, wollten keine Geschichte schreiben – sie wollten ihre Zeit gestalten.
Diese Aufgabe steht auch heute.
Kunst im Schatten – wer spricht über das Heute?
Die Geschichten von Vogeler, Modersohn-Becker und Mackensen sind gut dokumentiert, ihre Werke hängen in Museen. Doch was ist mit dem Heute?
Die Künstlerkolonie existiert weiter, aber längst nicht mehr als geschlossene Bewegung. Worpswede ist kein Dorf von Malern mehr, sondern ein Ort, an dem verschiedene Kunstrichtungen aufeinandertreffen: Malerei, Skulptur, Fotografie, Performance, Film. Es gibt Ateliers, kleine Galerien, Werkstätten. Künstler leben und arbeiten hier, experimentieren, stellen aus, vernetzen sich mit der Welt. Aber wer kennt sie? Wer spricht darüber?
In den großen Medien ist Worpswede fast unsichtbar. Der Blick bleibt auf der Vergangenheit hängen, als sei die Zeit hier um 1900 stehen geblieben. Dabei geschieht so viel, das kaum über die Dorfgrenzen hinaus wahrgenommen wird. Neue künstlerische
Ansätze entstehen, internationale Künstler finden hier Inspiration – doch ihre Geschichten bleiben oft im Verborgenen.
Die Herausforderung besteht nicht nur darin, neue Kunst zu schaffen, sondern sie sichtbar zu machen. Wie erreicht ein Künstler in Worpswede heute sein Publikum? Wie behauptet sich ein Kunstort, der nicht in Berlin oder Hamburg liegt?
Dazu kommt eine ganz andere Realität: Worpswede ist nicht mehr nur ein Ort für Kunst, sondern auch eine touristische Attraktion. Menschen kommen, um das „Künstlerdorf“ zu sehen, aber oft ohne Interesse an dem, was hier gerade entsteht. Wie verhindert man, dass Kunst zur bloßen Kulisse wird? Wie bleibt sie ein lebendiger Prozess und keine Postkartenromantik?
Viele, die hier arbeiten, stehen vor der gleichen Frage: Wie kann ein Ort mit so viel künstlerischer Geschichte auch ein Ort der Zukunft sein? Wie bleibt Kunst hier unabhängig, experimentierfreudig, mutig? Welche Räume braucht sie? Welche Unterstützung? Und wer hört eigentlich zu?
Es gibt viele offene Fragen. Doch vielleicht liegt genau darin die Chance. Worpswede hat sich immer wieder neu erfunden. Es war nie nur ein Ort für eine bestimmte Art von Kunst, nie nur eine Bewegung. Es war ein Labor, ein Experiment. Und vielleicht ist das der wichtigste Gedanke, den es zu bewahren gilt: Dass Kunst hier nicht fertig ist. Dass sie hier nicht nur gezeigt, sondern gemacht wird. Und dass es sich lohnt, darüber zu sprechen.
Warum dieses Magazin?
Es geht nicht nur um dieses eine Magazin. Es geht um Sichtbarkeit. Um das Bewusstsein dafür, dass Kunst nicht nur dort existiert, wo sie laut beworben wird. Ein Ort wie Worpswede, geprägt von einer langen Geschichte und einer lebendigen Gegenwart, verdient es, gehört zu werden – über seine Grenzen hinaus. Kunst entsteht nicht im Stillen, sie braucht Resonanz, Dialog, Öffentlichkeit.
Es braucht mehr Berichte, mehr Diskussionen, mehr Stimmen, die über das sprechen, was hier geschieht. Denn Kunst lebt nicht nur von denen, die sie machen, sondern auch von denen, die sie sehen, die sich mit ihr auseinandersetzen, die sie weitertragen. Worpswede war nie ein geschlossener Raum, sondern immer ein Ort des Austauschs – und genau das sollte es bleiben.
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